Oder auch: 3 Tage auf dem Elberadweg
Der Zug ist voll. So voll, dass wir mit unseren Fahrrädern den abfahrenden Waggons nur nur noch vom Gleis winken können. Es ist einen Tag nach Himmelfahrt, die Strecke zwischen Leipzig und Dresden hoch frequentiert – und die Regionalbahn rollt mit nur einem Abteil ein. Klar. So beginnt die Reise schlechter und mit mehr Zucker als geplant. Bei dieser Misere kann schließlich nur ein klassischer Frust-Schokoriegel helfen. Eine Stunde später winken wir aus dem Zug den Gleisen – immer noch mit nur einem Abteil, aber mit deutlich besserer Laune. Nächster Halt: Coswig.
Vor uns liegen drei, oder sagen wir eher: Zweieinhalb Tage auf dem Elberadweg. Über Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist das Ziel der Reise Lutherstadt Wittenberg, das eta 160 Kilometer entfernt vom Startpunkt ist. Mit Leggings und Windjacke sehe ich auf jeden Fall nach Radfahrerin aus; mein altes Mountainbike, das ich zuletzt in Teeniejahren bewegt habe, spricht eine andere Sprache. Klar, ich fahre gern Fahrrad. Aber wer tut das nicht? Zu meinem tatsächlichen Alltag gehört es aber eher weniger. Entsprechende Panik ist bei mir etwa zwei Tage vor Beginn der Radtour aufgekommen. Einziges Hilfsmittel: Videos der Cycling-Influencerin Rijke schauen, die an der Ostseeküste problemlos 200 Kilometer an einem Tag zurücklegt. Die Vlogs zeigen schöne Bilder, den Spaß beim Fahren und katapultieren mich von einem Motivationsloch rein in einen echten Hype-Modus. Ich bin bereit, ich habe Bock – und entgegen der Wetterprognosen regnet es nicht mal.

Ab jetzt werden also Kilometer geschrubbt. Und ja, an dieser Stelle bediene ich mich der Sprache, die ich gerne nutze, um sogenannte „Fahrrad-Arschlöcher“ zu imitieren. Ein viraler Sound auf Instagram fasst dazu perfekt zusammen: „Die schlimmste Sportart die man machen kann, wo man direkt weiß, das ist ei Hurensohn. Radlfahrn. Ja, ja, Radlfahrn.“ Ich frage mich selbst: Werde ich nach diesen Tagen auch zu einer Rennradfahrerin, die in hautengen neongelben Funktionsklamotten viel zu schnell durch die Straßen brettert, dabei drei bis acht Fußgänger anbrüllt oder wahlweise direkt mitnimmt, und direkt nach dem Absteigen mit absolut peinlichen Click-Schuhen über den Gehweg watschelt? Vielleicht ja, vielleicht nein; Spoiler gibt es keine.
Ob ironisch oder nicht: Das Fahrrad wird gefahren und die Sicht ist fantastisch. Direkt an der Elbe fahren wir durch die Landschaft, halten an insgesamt zwei Wirtschaften, trinken Cappuccino und Joahnnisbeerschorle, essen Mohn- und Apfelkuchen, sehen den Meißner Dom, treten in die Pedale und legen so in verhältnismäßig kurzer Zeit einige Kilometer zurück. Und ich sage bewusst: Verhältnismäßig. Immerhin muss ich davon ausgehen, dass dieser Text von einem Fahrrad-Arschloch gelesen wird, das sich schon seit dem zweiten Absatz denkt: Das ist ja GAR NIX. Aber weiter im Text.

Wir fahren, fahren und fahren und das ganz ohne, dass uns langweilig wird. Mir wird klar: Radfahren ist im Endeffekt wie Spazierengehen oder Wandern, nur eben schneller. Beides davon mache ich ziemlich gern; dass ich jetzt langsam, aber deutlich spürbar eine Idee davon bekomme, warum es auch Spaß machen kann, sich für längere Strecken als den Arbeitsweg auf den Sattel zu schwingen, ist also gar keine so große Überraschung. Es rollt zwar mal leichter und mal schwerer, vorwärts geht es aber permanent und das mit einer leichten, aber – Stand jetzt – nie überfordernden Anstrengung. Den Blick kann man schweifen lassen, die Gedanken auch. Das Handy kann man im Prinzip nicht benutzen, will man aber auch nicht. Floskelliebhaber würden sagen: Man wird eins mit der Natur. Wird man natürlich nicht; kompletter Quatsch. Die Natur zu merken, zu hören und zu riechen tut mir als selbstgewählter Großstadtmaus aber doch ganz gut. Zwar zieht der Wind manchmal unangenehm an den Ohren und die frische Landluft riecht doch manchmal einfach nur nach abgeladener Kuhscheiße, aber das Gefühl, draußen zu sein, das find ich gut. Bis es beginnt, zu regnen.
Erst merke ich nur ein paar Tropfen, dann wird es nieselig, zwischenzeitlich klart der Himmel sogar auf und dann wird aus ein paar Tröpfchen ein ausgewachsener Schauer. Meine Regenjacke leistet mir treue Dienste, meine Sportleggins, die bisher nur Pilates-Studios von innen gesehen hat, spürt jetzt zum ersten Mal Feuchtigkeit von außen – und lässt sie direkt rein. Meine Adidas-Sneaker machen mit. Nee, echt, wirklich schön diese Natur. Und vor allem diese Unberechenbarkeit. Es ist ja nicht so, als würde ich schon sonntags mein Meal Prep für die kommende Woche planen, mindestens drei Kalender gleichzeitig führen und die Wahrscheinlichkeit an unverwertbaren Unannehmlichkeiten generell auf ein Minimum reduzieren. Kleine Empfehlung, die ähnlich gern die Kontrolle behalten: Dann vielleicht einfach nicht zu einer mehrtägigen Bikepacking-Tour ohne Schönwettergarantie aufbrechen. Oder vielleicht doch?

Über mehrere Tage draußen sein, Radfahren und dabei zugunsten der Rückengesundheit nur mit dem nötigsten Gepäck ausgestattet zu sein, bedeutet auch, flexibel sein zu müssen. Natürlich ist da irgendwo ein Ziel und ein Plan, der idealerweise genau dorthin führt. Eine Garantie zum Gelingen gibt es aber nicht. In unserem Fall hieß das: Bei Regen das Abendessen vorziehen und in einem Ort, dessen Namen ich jetzt schon nicht mehr weiß, überraschend gute, handgemachte Gnocchi essen, im Kaufland von Riesa die letzten Fuß- und Handwärmer zu kaufen, weil vier Grad in der Nacht plötzlich doch etwas zu kalt zum Zelten schienen und einen Tag später spontan eine Pensionsübernachtung in Torgau zu buchen – weil vier Grad zum Zelten eben wirklich zu kalt sind. Der Plan wurde hin und wieder also verändert, nicht aber verworfen. Dabei blieb selbst mir mit einer großen Vorliebe für Kontrolle nichts anderes übrig, als zuzugeben: Es ist gar nicht so schlimm, wenn etwas mal nicht oder anders klappt, als gedacht.
Anflug von Überforderung oder Selbstzweifel? Darf existieren, im nächsten Moment aber auch wieder verschwinden. Am Ende hilft nämlich alles nichts. Die ganze Nacht gefroren und vier Stunden geschlafen? Schon blöd, aber das Fahrrad bewegt sich nicht von allein. Also: Weitermachen, wach werden, in die Gänge kommen und feststellen, was alle Mütter schon früher wussten. Geht dann komischerweise doch. Der Hügel ist nicht so steil, wie er aussieht und die Strecke am Ende doch kürzer als man denkt – nur die vier Grad zum Zelten sind wirklich kalt, beim Blick in einen Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung im Rahmen einer ehrenlosen Pipi-Runde um drei Uhr nachts, letztlich aber doch ganz schön.

Es gibt mehrere Momente, die ähnlich sind; warum es gerade so viele Fahrrad-Arschlöcher gibt, verstehe ich aber schon am Ende des ersten Tages. Bei Nieselregen trete ich in die Pedale, als es über die Elbebrücke nach Riesa geht. Für meine Kraft in den Beinen ist die gerade viel zu lang. Ich habe keinen Bock mehr, strampel weiter und als ich drei Minuten später mit dem Fahrrad in die Einkaufsstraße einrolle, überkommt mich ein Gefühl von richtig großer Freude. Etwas, das in Riesa sicher auch nicht allzu oft vorkommt. So kitschig das klingt, checke ich in diesem Moment aber: Das erste Ziel ist erreicht, wie krass?! Gerade für die 14-jährige Schülerin in mir, die im Sportunterricht auf jeden Fall nicht als erste ins Team gewählt würde, ist das ein ziemlicher Erfolg.
Natürlich weiß ich nicht, ob hinter jedem Fahrrad-Arschloch ein ehemaliger Teenie steckt, für den Sportunterricht Immer eher Qual als Vergnügen war. Muss es ehrlicherweise vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das Gefühl, ein Ziel zu erreichen, einfach für alle ähnlich gut? Wahrscheinlich, ja. Vor allem, weil es allein an einem selbst hängt, es zu schaffen. Kein Chef der Welt muss dich befördern, niemand ein gutes Wort für dich einlegen. Du trittst, du erreichst das Ziel – mit ungeplanten Hürden vielleicht nur etwas später als geplant. Zwischen spontanen Café-Funden, der Wiederentdeckung von gutem Softeis, Fährüberfahrten, unfassbar schöner Natur, den Fahrradweg überquerenden Rehen und Hasen und der Möglichkeit, sich nur mal auf sich selbst zu verlassen, fällt es mir dann doch ganz schön schwer, nicht doch einen Hauch von Verständnis – vielleicht sogar Sympathie – für die Fahrrad-Arschlöcher aufzubringen. Schließlich muss ich davon ausgehen, dass ich in absehbarer Zeit vielleicht selbst eins bin.
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